Erich Kästner auf www.brender.de


Der Streichholzjunge

Streichhölzer! Kaufen Sie Streichhölzer!
Drei Schachteln zwanzig!

Sie lachen, statt was zu kaufen.
Oder sie sind entrüstet
und knurren, während sie weiterlaufen.
Wenn ihr nur wüßtet . . .

Streichhölzer! Kaufen Sie Streichhölzer!
Drei Schachteln zwanzig!
Vater kriegt zehn Mark Unterstützung
und Mutter ein kleines Gesicht.
Wir haben ein Zimmer mit Küchenbenützung.
Aber wir benützen die Küche gar nicht.
Gestern trank Vater paar Flaschen Bier.
Mutter hat nicht mittrinken gemocht.
Vater sang: »Ein freies Leben führen wir!«
Und dann hat er das Fenster zerpocht.

Streichhölzer! Kaufen Sie Streichhölzer!
Drei Schachteln zwanzig!

Mein Pappkarton wird nicht leer.
Den Aufsatz muß ich noch machen.
Wenn ich bloß nicht so müde wär.
Kaufen Sie Streichhölzer, statt zu lachen!

Mit braunen und schwarzen Schnürsenkeln
verdient man natürlich mehr.
Doch da brauchte ich erst mal drei Mark.
Und wo nehm ich die her?

Streichhölzer! Braune und schwarze Streichhölzer!
Drei Paar zwanzig . . .

 

Das Riesenspielzeug

Eins habt ihr leider nicht bedacht:
daß Kinderhaben auch verpflichtet.
Ihr wart auf uns nicht eingerichtet,
ihr habt uns nur zur Welt gebracht.

Ihr habt uns mancherlei gelehrt,
Latein und Griechisch, bestenfalles.

Nun sind wir groß, doch das ist alles.
Und was ihr lehrtet ist nichts wert.

Ihr habt uns in die Welt gesetzt.
Wer hatte euch dazu ermächtigt?
Wir sind nicht existenzberechtigt
und fragen euch: Und was wird jetzt?

Schon sind wir eine Million!
Wir waren fleißig und gelehrig.
Und ihr? Ihr schickt uns, minderjährig,
fürs ganze Leben in Pension.

Wir leben wie im Krankenhaus
und lassen uns von euch verwalten.
Wir werden von euch ausgehalten
und halten das nicht länger aus!

Sind wir denn da, um nichts zu tun?
Wir, die gebornen Arbeitslosen,
verlangen Arbeit statt Almosen
und fragen euch: Und was wird nun?

Einst wußtet ihr noch euren Text,
als ihr uns noch für Puppen hieltet
und wie mit Spielzeug mit uns spieltet.
Doch wir sind Spielzeug, welches wächst!

Auf eigne Rechnung und Gefahr
will jeder, was er lernte, nützen.
Die Tage regnen in die Pfützen,
und jede Pfütze wird ein Jahr.

Die Zeit ist blind und blickt uns an.
Die Sterne ziehn uns an den Haaren.
Das ganze Leben ist verfahren,
noch ehe es für uns begann.

Vernehmt den Spruch des Weltgerichts:
Ihr gabt uns seinerzeit das Leben,
jetzt sollt ihr ihm den Inhalt geben!
Daß ihr uns liebt, das nützt uns nichts.

 

Goldne Jugendzeit

Wenn sie abends von der Arbeit kommen,
fahren sie, so schnell es geht, nach Haus,
und sie sehen ziemlich mitgenommen
und wie kleine kranke Kinder aus.

Die Büros sind keine Puppenstuben.
Die Fabriken sind kein Nadelwald.
Und auch die modernsten Kohlengruben
sind kein idealer Aufenthalt.

Aber nicht nur müde sind sie, leider
hat ihr Müdesein auch keinen Zweck.
Vielmehr ziehn sie ihre Sonntagskleider
heimlich an und laufen wieder weg.

Und dann gehn sie irgendwohin tanzen.
Ins »Orpheum« oder wie es heißt.
Und sie treiben es im großen ganzen,
mit und ohne Noten, ziemlich dreist.

Später sitzen sie in Parks auf Bänken,
und es ist aufs Haar wie einst im Mai.
Weiter können sie sich ja nichts schenken!
Und bis sie zu Hause sind, wird's drei.

Einmal werden sie sich schon noch fügen.
Wenn ihr Schicksal die Geduld verliert.
Ach, sie glauben, daß man zum Vergnügen
(noch dazu zum eignen) existiert!

Sie sind jung und täuschen sich nach Kräften.
6 Uhr 30, wenn der Wecker klirrt,
in der Bahn und dann in den Geschäften
merken sie: sie haben sich geirrt.

Menschen werden niemals Schmetterlinge.
Nektar ist, im besten Fall, ein Wort.
Jung und froh sein, sind verschiedne Dinge.
Und die Freude stirbt auf dem Transport!

 

Die Ballade vom Nachahmungstrieb

Es ist schon wahr: Nichts wirkt so rasch wie Gift!
Der Mensch, und sei er noch so minderjährig,
ist, was das Laster dieser Welt betrifft,
früh bei der Hand und unerhört gelehrig.

Im Februar, ich weiß nicht am wievielten,
geschah's, auf irgendeines Jungen Drängen,
daß Kinder, die im Hinterhofe spielten,
beschlossen, Naumanns Fritzchen aufzuhängen.

Sie kannten aus der Zeitung die Geschichten,
in denen Mord vorkommt und Polizei.
Und sie beschlossen, Naumann hinzurichten,
weil er, so argumentierten sie, ein Räuber sei.

Sie steckten seinen Kopf in eine Schlinge.
Karl war der Pastor, lamentierte viel
und sagte ihm, wenn er zu schreien anfinge,
verdürbe er den anderen das Spiel.

Fritz Naumann äußerte, ihm sei nicht bange.
Die andern waren ernst und führten ihn.
Man warf den Strick über die Teppichstange.
Und dann begann man, Fritzchen hochzuziehn.

Er sträubte sich. Es war zu spät. Er schwebte.
Dann klemmten sie den Strick am Haken ein.
Fritz zuckte, weil er noch ein bißchen lebte.
Ein kleines Mädchen zwickte ihn ins Bein.

Er zappelte ganz stumm, und etwas später
verkehrte sich das Kinderspiel in Mord.
Als das die sieben kleine Übeltäter
erkannten, liefen sie erschrocken fort.

Noch wußte niemand von dem armen Kinde.
Der Hof lag still. Der Himmel war blutrot.
Der kleine Naumann schaukelte im Winde.
Er merkte nichts davon. Denn er war tot.

Frau Witwe Zickler, die vorüberschlurfte,
lief auf die Straße und erhob Geschrei,
obwohl sie dort doch gar nicht schreien durfte.
Und gegen sechs erschien die Polizei.

Die Mutter viel in Ohnmacht vor dem Knaben.
Und beide wurden rasch ins Haus gebracht.
Karl, den man festnahm, sagte kalt: "Wir haben
es nur wie die Erwachsenen gemacht."

 

Der Handstand auf der Loreley

(Nach einer wahren Begebenheit)

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine deutsche Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man fragte nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.

Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
Er dachte an die Loreley von Heine.
Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!

P. S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.

 

Misanthropologie

Schöne Dinge gibt es dutzendfach.
Aber keines ist so schön wie diese:
eine ausgesprochen grüne Wiese
und paar Meter veilchenblauer Bach.

Und man kneift sich. Doch das ist kein Traum.
Mit der edlen Absicht, sich zu läutern,
kniet man zwischen Blumen, Gras und Kräutern.
Und der Bach schlägt einen Purzelbaum.

Also das, denkt man, ist die Natur?
Man beschließt, in Anbetracht des Schönen,
mit der Welt sich endlich zu versöhnen.
Und ist froh, daß man ins Grüne fuhr.

Doch man bleibt nicht lange so naiv.
Plötzlich tauchen Menschen auf und schreien.
Und schon wieder ist die Welt zum Speien.
Und das Gras legt sich vor Abscheu schief.

Eben war die Landschaft noch so stumm.
Und der Wiesenteppich war so samten.
Und schon trampeln diese gottverdammten
Menschen wie in Sauerkraut herum.

Und man kommt, geschult durch das Erlebnis,
wieder mal zu folgendem Ergebnis:
Diese Menschheit ist nichts weiter als
eine Hautkrankheit des Erdenballs.

 

Ein Kubikkilometer genügt

Ein Mathamatiker hat behauptet,
daß es allmählich an der Zeit sei,
eine stabile Kiste zu bauen,
die tausend Meter lang, hoch und breit sei.

In diesem einen Kubikkilometer
hätten,schrieb er im wichtigsten Satz,
sämtliche heute lebenden Menschen
(das sind zirka sechs Milliarden!) Platz!

Man könnte also die gesamte Menschheit
in eine Kiste steigen heißen
und diese, vielleicht in den Kordilleren,
in einen der tiefsten Abgründe schmeißen.

Da lägen wir dann, fast unbemerkbar,
als würfelformiges Paket.
Und Gras könnte über die Menschheit wachsen.
Und Sand würde daraufgeweht.

Kreischend zögen die Geier Kreise.
Die riesigen Städte stünden leer.
Die Menschheit läg in den Kordilleren.
Doch das wüßte dann keiner mehr.

 

Saldo mortale

Ein Mann, der einen Selbstmord unternahm
und den man rettete, als er schon schlief,
schrieb, als er schließlich wieder zu sich kam,
den Brief:

»Ihr Esel habt mich wieder aufgeweckt.
Ihr habt mit mir geturnt. Ich war schon tot.
Ihr habt mich krummgedrückt und langgestreckt.
Ich war schon fast hinüber, sapperlot.

Ihr habt mir meine Steuern nie bezahlt.
Ihr habt mir nie nur eine Mark geborgt.
Ich hatte einen Posten, den Ihr stahlt.
Ihr habt mir keinen anderen besorgt.

Ihr habt mich überall herumgeschickt.
Ich wollte Arbeit. Doch Ihr gabt sie nicht.
Ihr habt mich kalt und böse angeblickt.
Ihr spracht mit mir, wie man mit Dieben spricht.
Ihr habt mich, als ich krank war, nicht geheilt.

Ihr habt mich, wenn ich krank war, noch gekränkt.
Ihr habt Euch, als ich lebte, nie beeilt!
Und meine Frau hat sich an Euch verschenkt.
Ihr weckt mich auf. Woher nehmt Ihr den Mut?

Ihr hieltet mich zurück. Ich wollte fort.
Wenn jemand endlich das, was ich tat, tut,
dann wird aus Lebensrettung Mord.
Habt Ihr mich denn noch nicht genug gequält?

Soll das noch einmal losgehn Tag für Tag?
Ich denk nicht dran! Das hat mir noch gefehlt!
Ich mag nicht mehr! Warum? Weil ich nicht mag.«
Man muß nicht leben, wenn man es nicht darf.

Als er im Blatt von seiner Rettung las,
stieg er zum vierten Stock hinauf und warf
sich in den Hof, wo seine Tochter saß.

 

Hunger ist heilbar

Es kam ein Mann ins Krankenhaus
und erklärte, ihm sei nicht wohl.
Da schnitten sie ihm den Blinddarm heraus
und wuschen den Mann mit Karbol.

Befragt, ob ihm besser sei, rief er: "Nein."
Sie machten ihm aber Mut
und amputierten sein linkes Bein
und sagten: "Nun geht's ihnen gut."

Der arme Mann hingegen litt
und füllte das Haus mit Geschrei.
Da machten sie ihm den Kaiserschnitt,
um nachzusehen, was denn sei.

Sie waren Meister in ihrem Fach
und schnitten sogar ein Gesicht
Er schwieg: Er war zum Schreien zu schwach.
Doch sterben tat er noch nicht.

Sein Blut wurde freilich langsam knapp.
Auch litt er an Atemnot.
Sie sägten ihm noch drei Rippen ab.
Dann war er endlich tot.

Der Chefarzt sah die Leiche an.
Da fragte ein andrer, ein junger:
"Was fehlt denn dem armen Mann?"
Der Chefarzt schluchzte und murmelte dann:
"Ich glaube, er hatte nur Hunger."

 

Ein Beispiel von ewiger Liebe

Im gelben Autobus ging's durch den Ort.
Schnell hinein. Schnell heraus.
Erstes Haus. Letztes Haus.
Fort.

Hab ich den Namen vergessen?
Ob ich ihn überhaupt las?
Es war eine Kleinstadt in Hessen,
zwischen Reben und Gras.

Du standest am Gartenrand,
als du mich plötzlich erblicktest.
Zärtlich hob ich die Hand.
Du nicktest.

Darf ich nicht Du zu dir sagen?
War keine Zeit dazu,
lang um Erlaubnis zu fragen.
Ich sag du.

Ich wünschte so sehnlich,
ich stünde bei dir.
Ging dir's nicht ähnlich?
Ging dir's wie mir?

Der Zufall hat keinen Verstand.
Es heißt, er sei blind.
Er gab und entzog uns hastig die Hand,
wie ein ängstliches Kind.

Ich bin entschlossen, fest daran zu glauben,
daß du die Richtige gewesen wärst.
Du kannst mir diese Illusion nicht rauben,
da du sie nicht erfährst.

Du lehntest lächelnd am grünen Staket.
Es war im Taunus. Es war in Hessen.
Ich habe den Namen des Orts vergessen.
Die Liebe besteht.

 

Mathilde, aber eingerahmt

Es lebe das Großreinemachen!
Man findet, wenn man säubert und siebt,
Briefe und Bilder und andere Sachen,
die es eigentlich gar nicht mehr gibt.

Vorgestern hab ich über zwei Stunden
in meinen Schreibtischfächern gekramt.
Ganz unten links hab ich dich gefunden:
Visitformat, schwarz eingerahmt.

Ein Bild von dir mit sieben Jahren.
In einem Kieler Matrosenkleid.
Mit hohen Stiefeln und langen Haaren.
Ich dachte: Gott, vergeht die Zeit.

Als wir uns kannten, ach Mathilde,
warst Du bereits dreimal so alt
wie auf dem kleinen Bilde
und dientest mir als Aufenthalt.

Ich sah dem Foto in die Augen.
Dein Kinderblick war treu und echt.
Wann fingst du an, nichts mehr zu taugen?
Als wir uns kannten, warst du schlecht.

Als kleines Mädchen gut und milde,
mit zwanzig Jahren ein Stück Mist!
Hast du dich je gefragt, Mathilde,
wie es dazu gekommen ist?

Du lagst mir damals auf der Tasche,
bei anderen Herrn lagst du m Bett.
Ich soff den Kognak aus der Flasche
und wurde langsam zum Skelett.

Ich lernte heimlich Scheibenschießen.
Ich lag die Nächte ohne Schlaf.
Es kam zu keinem Butvergießen.
Du gingst, eh ich ins Schwarze traf.

Auf das, was war, viel Staub und Puder.
Vorbei. Ich will nichts mehr von dir.
Jedoch dein Kinderbild, du Luder,
das stell ich morgen aufs Klavier.

 

Konferenz am Bett

Ich saß bei dir am Bett und fühlte jede
Bewegung des Plumeaus, als wärst es du.
Wir sprachen klug und deckten mit der Rede
das, was geschehen sollte, auf und zu.

Es war ein Zweikampf in gepflegter Prosa.
Du lagst im Bett. Ich saß und hielt mich stramm.
Es roch nach Puder. Und das Licht war rosa.
Und manches Wort wog zwanzig Kilogramm.

Du wolltest nicht, daß ich bloß bei dir säße . . .
Du wolltest aber, wie ich bald erriet,
daß ich dich erst auf dein Kommando fräße!
Du lagst im Bett und machtest Appetit.

Und dabei wußtest du, daß ich das wüßte,
und wußte ich, du wüßtest längst: er weiß.
Und zeigtest du ein bißchen sehr viel Büste,
dann nickte ich und sagte: »Es ist heiß.«

Wir waren ganz und gar nicht zu beneiden.
Wir schütteten die Stimmung durch ein Sieb.
Am Ende wußte keiner von uns beiden,
wer das, was beide wollten, hintertrieb.

Der Morgen dämmerte. Die Vögel sangen.
Bis sechs Uhr dreißig währte das Duett.
Und wie ging's weiter? Dann bin ich gegangen!
Sonst säß ich heute noch bei dir am Bett.

 

Kleines Solo

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.

Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Mußt erfahren,
daß es nicht die Liebe ist . . .
Bist sogar im Kuß alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Paralytisches Selbstgespräch

(Im Sprechgesang zu rezitieren)

Ein Kuß in Ehren ist kein Büstenhalter.
Der Ehebruch wirkt äußerst zeitgemäß.
Ein Embryo ist meist von zartem Alter.
Der Spucknapf ist zunächst kein Trinkgefäß

Dreh dir den Kopf ab, falls du einen hast!
Auch ohne Kopf wirst du kein deutscher Denker.
Knüpf dich dezent an einen Lindenast.
Seit Zeile 5 wirst du davon nicht kränker . . .

Wie wird man sich nach seinem Tode kleiden?
Ob auf dem Mars wohl Freudenhäuser sind?
Ob auch Minister an Erkältung leiden?
Ist wohl der Zufall nur per Zufall blind?

Das sind dabei nicht etwa alle Fragen!
Die meisten fallen einem gar nicht ein.
Es nützt nichts, im Adreßbuch nachzuschlagen.
Das ist für diese Zwecke viel zu klein.

Ein Fräulein will sich mit mir trauen lassen.
Sie schätzt mich so. Weil ich so höflich sei.
Ein Nachthemd hat sie. Und elf Untertassen.
Und einen Gasherd. Doch der ist entzwei.

Wenn ich elektrisch Licht im Munde hätte
und, wo der Blinddarm ist, ein Grammophon -
und Geld zu Schnaps und eine Zigarette,
das wäre schön. Denn ich bin Gottes Sohn.

Irrsinn ist menschlich und hat Gold im Munde.
Fast jeder hat's; nicht jedem ist's bekannt.
Der Doktor sagt, ich bin sein längster Kunde.
Nachts bin ich meist ein roter Elefant.

In Brüssel hat sich mancher kriegsverletzt.
Seit Mitte Juli kann ich nicht mehr lachen.
Wer Pech angreift, denkt an sich selbst zuletzt. -
Wo steht doch: Selig sind die Geistesschwachen?

 

Belauschte Allegorie

A. Sämtliche Steine der Pyramiden
gleichen einander so ungefähr.
Nur in einem Punkt sind sie verschieden:
Die unteren Steine tragen viel mehr.

B. Ihre Anteilnahme ist ehrenwert.
Die Steine haben sich wohl beschwert?
Es sind nun mal nicht alle die Ersten.
Die Untersten haben es immer am schwersten.

A. Wäre es nicht in solchen Fällen
besser, man kippte die Dinge um?
Pyramiden auf den Kopf zu stellen,
fände ich nicht dumm.

B. Dann gingen die Pyramiden in Trümmer.
Die Steine fielen und würden gehoben.
Doch wieder wäre die Spitze oben
Und unten wären sie breit wie immer.

A. Wenn bei den Menschen, pardon! bei den Steinen
alles wie wild durcheinander gerät,
schließlich liegt doch zum Schluß, wie Sie meinen,
unten und ewig die Majorität?

B. Das meine ich. Die Geometrie ist vernünftig.
Da hilft kein Weinen. Da hilft kein Hauen!
Da hülfe nur eins.

A. Und das wäre?

B. Künftig vielleicht keine Pyramiden mehr bauen.

 

Das Führerproblem, genetisch betrachtet

Als Gott am ersten Wochenende
die Welt besah, und siehe, sie war gut,
da rieb er sich vergnügt die Hände.
Ihn packte eine Art von Übermut.

Er blickte stolz auf seine Erde
und sah Tuberkeln, Standard Oil und Waffen.
Da kam aus Deutschland die Beschwerde:
»Du hast versäumt, uns Führer zu erschaffen!«

Gott war bestürzt. Man kann's verstehn.
»Mein liebes deutsches Volk«, schrieb er zurück,
»es muß halt ohne Führer gehn.
Die Schöpfung ist vorbei. Grüß Gott. Viel Glück.«

Nun standen wir mit Ohne da,
der Weltgeschichte freundlichst überlassen.
Und: Alles, was seitdem geschah,
ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen.

 

Die deutsche Einheitspartei

Als die Extreme zusammenstießen,
begriff Max Müller, wie nötig er sei.
Und er gründete die Partei
aller Menschen, die Müller hießen.

Müller liebte alle Klassen.
Politische Meinungen hatte er keine.
Wichtig war ihm nur das eine:
Sämtliche Müllers zusammenzufassen.

Seinem Aufruf entströmte Kraft.
»Wir verteidigen«, schrieb er entschieden,
»Rück- und Fortschritt, Krieg und Frieden,
Arbeitgeber und Arbeiterschaft.

Freier Handel und Hochschutzzoll
haben unsere Sympathie.
Republik und Monarchie
sind die Staatsform, die herrschen soll!«

Alle Müllers traten ihm bei.
Und die andern kamen in Haufen,
ließen sich eiligst Müller taufen
und verstärkten die neue Partei.

Und sie wuchs, trotz vieler Brüller.
Kurzerhand ging sie in Führung.
In der nächsten Reichsregierung
hießen zehn Minister Müller.

Diese Müllermehrheit wies
alle aus, die anders hießen
und sich nicht rasch taufen ließen.
Bis ganz Deutschland Müller hieß!

Von Memel bis zum Rande des Rheins
feierten nun die Deutschen Versöhnung.
Im alten Aachen gab's Kaiserkrönung.
Und der Kaiser hieß: Müller Eins.

Festlich krachten Kanonen und Böller.
Doch das Glück war bald vorbei.
Denn am Tag darauf kam Möller,
und es entstand eine Gegenpartei.

 

Das Eisenbahngleichnis

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reißen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein andrer klagt,
ein dritter redet zu viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnhof der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und niemand weiß, warum.

Die 1. Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupe.

Was auch geschieht!

Was auch geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!


Herzlich Willkommen!

 


Kästner im Schlauch

Während meiner Zeit als Zivi im Stuttgarter Osten hatte ich das Vergnügen, Henry kennenzulernen, der damals Wirt im "Schlauch" (im Schlampazius/Laboratorium) war. Zusammen arbeiteten wir ein halbes Jahr an unserer Kästner-Revue. Leider mußte ich Stuttgart verlassen und niemand kam jemals in den Genuß einer Aufführung. Links ist das Programm unserer Gedichte. Teilweise wollten wir sie singen, teilweise im Dialog sprechen.

Die Übersicht:
Der Streichholzjunge
Das Riesenspielzeug
Goldne Jugendzeit
Die Ballade vom Nachahmungstrieb
Der Handstand auf der Loreley
Misantrophologie
Ein Kubikkilometer genügt
Saldo Mortale
Hunger ist heilbar
Ein Beispiel von ewiger Liebe
Mathilde, aber eingerahmt
Konferenz am Bett
Kleines Solo
Paralytisches Selbstgespräch
Belauschte Allegorie
Das Führerproblem, genetisch betrachtet
Die deutsche Einheitspartei
Das Eisenbahngleichnis
Was auch geschieht!

Besonders gefallen hat uns Mathilde, die Konferenz am Bett und das kleine Solo.


Links

Andere Seiten mit weiteren Informationen zu Erich Kästner (1899-1974):

www.erich-kaestner.de
Kästner auf Stuggi-Site
"Belegarbeit" eines Oberstüflers